Jozef Paczynski: In Freundschaft begegnen, denn wir können die Toten nicht lebendig machen

Jozef Paczynski: In Freundschaft begegnen, denn wir können die Toten nicht lebendig machen

Jozef Paczynski: In Freundschaft begegnen, denn wir können die Toten nicht lebendig machen


Im Juni unternahm Landrat Joachim Arnold mit Wetterauer Kommunalpolitikern und Mitgliedern des Kreisschülerrates eine privat finanzierte Studienfahrt in das ehemalige Konzentrationslager Auschwitz. Im Gespräch mit Zeitzeugen wird die Vergangenheit lebendig: Die Wetterauer Reisegruppe unterhielt sich mit Jozef Paczynski. Der heute 90jährige war von Juni 1940 bis Januar 1945 Häftling im Stammlager Auschwitz. "Erinnern ist wichtig, denn das Geschehene ist zu schmerzlich, als dass wir es vergessen könnten, wir müssen aber auch unseren Beitrag dazu leisten, dass Gleiches oder Ähnliches nicht mehr geschieht", zieht Landrat Arnold Bilanz des Gesprächs.


Jozef Paczynski und Schüler

Es gibt immer weniger Zeitzeugen. Der 90jährige Jozef Paczynski spricht gerne mit jungen Menschen, damit sie aus der Vergangenheit Lehren für die Zukunft ziehen. Jozef Paczynski mit (v.l.n.r.) Natalie Pawlik, Tim Wagner und Lena-Marie Nachtigall.

Sie stirbt aus: Die Generation derer, die Auschwitz überlebt hat. Jüdische Zeitzeugen gibt es in Polen kaum noch, die meisten von ihnen leben in den USA oder in Israel. Szymon Kluger war der letzte überlebende Jude, der schon vor dem Krieg in Oswiecim lebte und nach der Befreiung nach Schweden emigriert war. Er kehrte 1961 zurück und starb im Jahr 2000. Seit zehn Jahren gibt es in Oswiecim keine Juden mehr.  

Zeitzeugen geben zahllosen und oft auch namenlosen Opfern der Konzentrationslager ein Gesicht. Wer ihnen zuhört, versteht, dass jeder nur aus seinem eigenen Blickwinkel erzählen kann, es so viele Geschichten wie Opfer gibt. Einer, der Auschwitz vom ersten bis zum letzten Tag durchlebte, ist Jozef Paczynski. Der heute 90-jährige kam im Alter von 20 Jahren mit dem ersten Häftlingstransport am 14. Juni 1940 im Stammlager an. Der Grund? Einen Monat nach Kriegsbeginn war die polnische Regierung gefallen und zog sich über Rumänien nach Frankreich zurück. Viele polnische junge Männer wollten für ihre Regierung kämpfen und versuchten, über die Slowakei und Budapest in das westliche Frankreich zu gelangen. Der direkte Weg war durch die Deutschen versperrt. Auch für Paczynski, der im März 1940 an der Grenze von der slowakischen Polizei verhaftet und den Deutschen übergeben wurde. Sein Weg führte ihn über drei Gefängnisse am 14. Juni 1940 nach Auschwitz.  

Von jetzt an ist Paczynski nur mehr Häftling Nummer 121 und nimmt ungläubig zur Kenntnis wo er ist. "Dies hätte ich eine einer Kulturnation wie der Deutschen nicht zugetraut", erinnert er sich: "Wir mussten viele Fragen beantworten. Zum Beispiel wie viel Goldzähne wir haben und welche Krankheiten es in unserer Familie gibt. Wenn jemand starb wurde dann als Toesursache einfach die Krankheit seines Vaters angegeben."  

Paczynski: "Ich habe viel Glück gehabt"  

Paczynski hatte Glück und sollte es noch öfter haben. Im Stammlager gab es eine Apotheke, eine Ambulanz und einen eigenen Friseurladen für die SS. Hier wurde der junge Pole eingesetzt und einem Friseur zugeteilt, der ihn in die Kunst des Haareschneidens einwies. Zehn Friseure gab es im Lager, aber als eines Tages ein Unteroffizier einen Frisör für den Lagerkommandanten Rudolf Höß suchte, fiel seine Wahl auf den jungen Paczynski. "Von da an war ich bis Ende 1944 jede Woche in der Villa von Höß, auch seinen beiden Kindern musste ich die Haare schneiden. Er war ein wortkarger Mensch und solange ich bei ihm war, hat er nie ein Wort mit mir gewechselt", erinnert sich Paczynski. Höß, so erzählt er, sei als vorbildlicher Mann und vorbildlicher Vater aufgetreten, dem man seine Verbrechen nicht ansah. Den Gedanken an Flucht hat er sich angesichts der zu erwarteten Strafaktionen gegen Mithäftlinge und seine Familie verboten. "Ebenso wie die Idee, beim Rasieren und Haare schneiden den nahen Kontakt zu dem SS-Kommandanten zu nutzen und ihn zu ermorden."  

"Überlebt habe ich letzten Endes nicht deshalb, weil Friseur von Höß war, sondern weil ich ein Dach über dem Kopf hatte, wo es warm war und sauber", sagt Paczynski. 1942 erkrankte er an Typhus und hatte wieder Glück. Im Krankenblock wird er nicht für die Gaskammer selektiert oder mit einer Phenolspritze ermordet, sondern in letzter Minute von einem freundlichen Sanitäter und Mithäftling in ein Bett gelegt. "So wie ich war der Sanitäter schon lange im Lager und die alten Häftlinge waren sehr geachtet und wahrscheinlich kam ich deshalb nach oben ins Krankenbett", erzählt Paczynski.  

"Auschwitz war eine seltsame Welt"  

Paczynski erzählt lebendig und erinnert sich an Auschwitz als eine schizophrene Welt voller Gegensätze: "Es gab ganz normale Dinge, wie die Apotheke, den Frisör oder das Schwimmbad für die SS, und unmittelbar daneben das Grauen, den Todesblock, Hunger, Krankheit, Erschießungen, die Strafkompanie und ein paar Kilometer weiter die Krematorien." Man konnte den Rauch der Scheiterhaufen und Schornsteine der Krematorien von Birkenau sehen und riechen. "Als die russische Front schon zu hören war, begann die SS im Januar 1945 damit, uns auf dem so genannten Todesmarsch zu evakuieren, denn Himmler hatte die Losung aufgegeben, dass kein Häftling lebendig in Feindeshand fallen sollte." 7.000 Häftlinge, die zu schwach oder zu krank waren, wurden zurückgelassen. "Ich lief in der letzten Reihe, unmittelbar hinter uns die SS und wer nicht mehr weiter konnte, wurde erschossen. Der Schnee war rot von Blut."  

Über Mauthausen und das Außenlager Melk kam er schließlich nach Ebensee. "Als ich dort am 6. Mai 1945 um 10 Uhr morgens am Fenster stand und die US-Soldaten auf uns zumarschieren sah, habe ich nicht geweint, aber mir liefen die Tränen", erzählt Paczynski. Über Budweis gelangte er zurück nach Schlesien, konnte studierten und wurde Ingenieur. Nach einem zweijährigen pädagogischen Studium war er bis zur seiner Pensionierung Direktor eines beruflichen Schulzentrums. Heute ist er aktiv in der Häftlingsarbeit und Mitglied des Maximilian-Kolbe-Werkes in Freiburg. "Wir können die Toten nicht mehr lebendig machen, deshalb müssen wir auf die Menschen zugehen", beschreibt Paczynski seine Motivation, wenn er als Zeitzeuge mit jungen Menschen spricht. "Auch im Lager habe ich nach der Devise gelebt: Man muss in der Freundschaft leben. Ich habe immer versucht, anderen zu helfen und dann habe ich auch erlebt, dass andere mir geholfen haben."


Erstellt am: 2010-07-15