„Bauernhof als Klassenzimmer“ entwickelt sich weiter
„Bauernhof als Klassenzimmer“ entwickelt sich weiter
"Auch in einer ländlichen Region wie der Wetterau weiß nicht jeder, wo unsere Nahrungsmittel herkommen oder wie sie weiterverarbeitet werden", stellt Joachim Arnold fest. Seit zehn Jahren nimmt der Wetteraukreis an dem hessischen Projekt "Bauernhof als Klassenzimmer" teil. Seit kurzem haben sich landwirtschaftliche Betriebe gefunden und zusammengeschlossen, die Schülerinnen und Schülern die praktische Landwirtschaft näher bringen wollen. Das Wetterauer Modell geht weg vom klassischen Lernbauernhof hin zu diesem Netzwerk landwirtschaftlicher Betriebe. Dies ist das Ergebnis einer Machbarkeitsstudie, die der Fachdienst Landwirtschaft in Auftrag gegeben hat.
"Bauernhof als Klassenzimmer" und die Vielzahl seiner Unterstützer: v.l.n.r. Landrat Joachim Arnold, die Kreisbeigeordneten Bardo Bayer und Helmut Betschel-Pflügel mit Vertreter/innen aus Landwirtschaft, Landfrauen, Regionalbauernverband, Regionalmanagement Oberhessen, Frankfurter Forschungsinstitut für biologischen Landbau, Agentur für Ernährungsfragen und Kreisverwaltung.
Was verbinden wir mit Landwirtschaft? Sind es die Bilder von Butterbergen und Milchseen, die Wetterauer Zuckerrübenbauern und die Frage nach dem Weltmarktpreis für Zucker, oder ist es die Diskussion über Gentechnik und Massentierhaltung? Ist unser Bild von der Landwirtschaft überhaupt ein realistisches? Selbst in einem ländlichen Raum, der die Wetterau bei aller Nähe zur Metropole Frankfurt immer noch ist, gehört eine wirkliche Ahnung von Landwirtschaft längst nicht mehr zum Allgemeingut. Weder bei Erwachsenen, noch bei Kindern und Jugendlichen. Damit weniger über Landwirtschaft geredet, dafür aber mehr buchstäblich, praktisch mit allen Sinnen begriffen wird, gibt es seit zehn Jahren in Hessen die Initiative "Bauernhof als Klassenzimmer". Getragen wird sie von drei Akteuren: Hessischen Ministerium für Umwelt, Energie, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, dem regionalen Bauernverband und Hessischen Kultusministerium.
Wetterauer Kartoffeln
Die Schwerpunkte in den beteiligten Landkreisen sind unterschiedlich gesetzt. Die Wetterau wuchert mit ihrem Pfund, der Kartoffel: "Die Kartoffel, eine tolle Knolle" heißt deshalb das Wetterauer Schulprojekt. 2006 fanden sich erstmals sieben landwirtschaftliche Familienbetriebe zusammen. An vier Vormittagen, auf das Jahr verteilt, legen Schülerinnen und Schüler Hand an, begleiten von der Aussaat bis zur Ernte die tolle Knolle. Und weil wer arbeitet auch essen soll, wird am Ende mit der Kartoffel gekocht.
In der Zwischenzeit hat sich das Projekt weiterentwickelt, aber der Bedarf besteht unverändert und das Interesse bei Landwirten und Schulen ist groß. So lag die Idee zu einem richtigen Lernbauernhof nahe. Ob die Idee auch machbar ist, sollten im Auftrag des Fachdienstes Landwirtschaft die Agentur für Ernährungsfragen und das Frankfurter Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) untersuchen. In einem ländlichen Raum bietet sich die Verknüpfung von Landwirtschaft und schulischer Bildung geradezu an. Weil darin Entwicklungspotential für die Region liegt, wurden im Rahmen der LEADER-Region Oberhessen EU-Mittel beantragt und inzwischen bewilligt: sowohl für die Machbarkeitsstudie, als auch für das daraus entstandene "Netzwerk landwirtschaftlicher Betriebe".
Keine idyllische, sondern reale Landwirtschaft
Klassische Schulbauernhöfe haben meist den Nachteil, dass sie das Bild der Landwirtschaft nur unzureichend präsentieren. Deshalb kam die Machbarkeitsstudie, für die Landwirte und Schulen befragt wurden zu einem ganz anderen Ergebnis: Künftig soll das Schulprojekt auf die Grundlage eines Netzwerks von landwirtschaftlichen Betriebe gestellt werden.
Im Netzwerk zusammengeschlossen sind nun acht Betriebe, von Münzenberg bis Kefenrod-Burgbracht: Sowohl reine
Ackerbau- als auch Mischbetriebe mit und ohne Tierhaltung, ein Biogas erzeugender Betrieb sowie Milchviehhalter. "Mehrere Betriebe mit ins Boot zu nehmen macht es möglich, die Bandbreite der Landwirtschaft abzubilden und liegt näher an der Realität. Wir wollen keinen idyllischen Lernbauernhof zeigen, sondern reale Landwirtschaft auf realen Höfen. Das Projekt setzt zudem auf Nachhaltigkeit. Wir erreichen damit sowohl die pädagogischen Fachkräfte, die oft selbst nicht mehr in der Wetterau, sondern in der Großstadt leben als auch die Kinder und Jugendlichen und verhindern, dass sie den Bezug zu ihrer Region verlieren", sagt Landrat Arnold als überzeugter Wetterauer.
Kommunikationsbasis soll eine zentrale Internetplattform sein, auf der sich die einzelnen Betriebe mit ihren Angeboten vorstellen: Per Mausklick kann eine Besichtigung gebucht werden und die Übersicht zeigt dazu, an welchen Tagen ein Betrieb seine Türen öffnet. Schülerinnen und Schüler können ihre Erfahrungen weitergeben. Außerdem werden speziell auf die Betriebe abgestimmte Unterrichtsmaterialien angeboten, die auch für eine intensive Nachbearbeitung nutzbar sind.




